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Holocaust-Überlebende Trude Simonsohn mit 100 Jahren gestorben

Bildquelle: Simon RustlerTrude SimonsohnTrude Simonsohn hat die Shoa überlebt, im Januar 2022 ist sie im Altern von 100 Jahren gestorben

Die Holocaust-Überlebende Trude Simonsohn ist tot. Sie starb am Donnerstag im Alter von 100 Jahren, wie die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main mitteilte.

Trude Simonsohn überlebte als junger Mensch die KZ-Haft in Theresienstadt und Auschwitz. Ihren Traumata begegnete sie, indem sie über das Grauen sprach. Trude Simonsohn ist durch die Hölle von Theresienstadt und Auschwitz gegangen. Von ihren Erlebnissen und dem Tod der Eltern in Buchenwald und Auschwitz erzählte sie jahrzehntelang in Schulen, Universitäten und Akademien. Dafür wurde sie unter anderem mit der Leuschner-Medaille des Landes Hessen und der Ehrenbürgerschaft der Stadt Frankfurt geehrt.

 

Trauer auch in EKHN über Simonsohns Tod 

 

„Wir sind fassungslos und voller Trauer über diesen großen Verlust“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Salomon Korn. Trude Simonsohn war eine „bemerkenswerte, herausragende Frau, die stets zum Wohle ihrer Mitmenschen gehandelt hat.“ Für den hessen-nassauischen Kirchenpräsidenten Volker Jung war Trude Simonsohn "eine zutiefst beeindruckende Persönlichkeit". Jung: '"Ihre Erinnerungsarbeit von Frankfurt aus, für die auch die damalige Evangelische Akademie in Arnoldshain eine Impulsgeberin war,  hat auch in unserer Kirche viele Menschen bewegt. Ihr Engagement und Ihre Hoffnung angesichts dessen, was sie erleben musste, erfüllen mich mit großer Dankbarkeit." 

 

Holocaust-Überlebende wohnte bis zuletzt in Frankfurt 

 

Seit 2017 lebte Simonsohn im Seniorenzentrum der Budge-Stiftung im Frankfurter Stadtteil Seckbach, in dem Juden und Nichtjuden gemeinsam ihren Lebensabend verbringen. Noch zu ihrem 100. Geburtstag im vergangenen März stellte sie sich den Fragen des Evangelischen Pressedienstes (epd) und brillierte mit ihrem Humor und ihrer Schlagfertigkeit. Auf die Frage, was sie sich zu ihrem Geburtstag wünsche, antwortete sie: „Dass mir solche Fragen erspart bleiben.“

 

Stationen ihres Lebens

 

Trude Simonsohn wird 1921 in Olomouc (Olmütz) in der Tschechoslowakei als einzige Tochter des Getreide-Kommissionärs Maximilian Gutmann und seiner Ehefrau, der Hutmacherin Theodora Appel, geboren. „Wir waren nicht sehr religiös, aber die jüdischen Feiertage hielten wir ein. Katholiken, Hussiten und Juden lebten im barocken Olmütz friedlich miteinander.“ Trude besucht die tschechische Grundschule und das deutsche Gymnasium. Am meisten Freude bereiten ihr die Sprachen, zunächst Tschechisch und Deutsch, später Latein und Englisch. Auch Schwimmen und Tennis mag sie sehr.

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei wird ihr Vater verhaftet, in das KZ Buchenwald verschleppt und schließlich im KZ Dachau ermordet. Trude kann weder Abitur machen noch wie geplant Medizin studieren. Stattdessen engagiert sie sich in der zionistischen Jugendbewegung. Nach dem Attentat auf NS-Reichsprotektor Reinhard Heydrich im Mai 1942 wird sie wegen Hochverrats angeklagt und für ein halbes Jahr eingesperrt, davon vier Wochen in einer Einzelzelle.

Im November 1942 wird sie mit ihrer Mutter ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort lernt sie ihren späteren Ehemann kennen, den Sozialpädagogen und Juristen Berthold Simonsohn. Im Oktober 1944 verschleppen die Nazis das Paar nach Auschwitz, wo verschiedenen Arbeitskommandos zugeteilt wurden. Danach knipst sie ihr Erinnerungsvermögen aus und fällt in eine „Ohnmacht der Seele“, wie sie 2016 dem epd sagte.

Zu sich kommt sie erst wieder im Lager Kurzbach, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, wo sie in bitterster Kälte Panzergräben ausheben muss und fast an einer schweren Durchfallerkrankung stirbt. Am 9. Mai 1945 wird sie schließlich im nahe gelegenen Lager Merzdorf von Soldaten der Roten Armee befreit. Ihr Mann erlebt das Kriegsende im Lager Kaufering, einer Außenstelle des KZ Dachau.

 

„Wir müssen darüber reden, sonst schaffen wir das nicht.“

 

„Dass Berthold und ich überlebt haben, ist ein Wunder“, sagte Simonsohn immer wieder. Aber es hatte auch seinen Preis, denn beide sind von dem Lagerterror und der Zwangsarbeit körperlich und psychisch schwer gezeichnet. „Man geht nicht ungestraft durch so eine Hölle. Mein Mann hat deswegen gesagt: Wir müssen darüber reden, sonst schaffen wir das nicht.“

Nach 1945 arbeitet sie für die jüdische Flüchtlingshilfe in der Schweiz, macht eine Ausbildung zur Krankenpflegerin und betreut tuberkulosekranke und traumatisierte jüdische Kinder. 1950 folgt sie ihrem Mann nach Hamburg, ein Jahr später kommt dort Sohn Michael zur Welt. 1955 zieht es die junge Familie nach Frankfurt am Main, wo Berthold die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland aufbaut. Sie selbst übernimmt in der jüdischen Gemeinde die Stelle für Sozialarbeit und Erziehungsberatung. Von 1989 bis 2001 ist sie Gemeinderatsvorsitzende.

 

„Ich habe getan, was ich konnte, was ich musste“

 

1978, nach Bertholds plötzlichem Tod, meldet sich einer seiner Freunde bei Trude Simonsohn: Martin Stöhr, der Direktor der Evangelischen Akademie Arnoldshain. Er lädt sie zu einer Tagung ein, um über ihre Erlebnisse in der NS-Zeit zu berichten. Das ist die Initialzündung für ihre Rolle als Zeitzeugin, die sie knapp vier Jahrzehnte ausfüllt. „Ich habe getan, was ich konnte, was ich musste“, bilanzierte Simonsohn anlässlich ihres 95. Geburtstags.

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